Tafeln
sind kein Mittel zur Bewältigung der Armut
Kundenbefragung von Tafelläden vorgestellt
Tafeln helfen Armen bei der
Bewältigung
ihrer Lebenssituation, sind aber kein Mittel
zur Bekämpfung von Armut. Dieses Ergebnis
aus ihrer Befragung von Tafelladenkunden hat
die Diakonie Baden-Württemberg im Dezember
2010 vorgestellt. In den 134 Tafeln in Baden-Württemberg.
werden überschüssige Lebensmittel an
Bedürftige günstig verkauft. Rund zwei
Drittel der Tafelläden werden unter Mitwirkung
von kirchlich-diakonischen Trägern betrieben.
„Armut in Baden-Württemberg zeigt
in den Tafeln ihr Gesicht: Verschämtheit,
Bescheidenheit, Isolation, Angewiesensein. Die
Tafelläden können Not lindern, aber
nicht beenden“, sagte Oberkirchenrat Johannes
Stockmeier, Sprecher der Diakonie Baden-Württemberg
GmbH und Vorstandsvorsitzender des Diakonischen
Werks Baden. Mit rund 650 Kundinnen und Kunden
in zwölf Tafelläden in Baden-Württemberg
und vier in Hessen liege nun eine große
Stichprobe vor.
Auch wenn die Tafeln nicht
als wirksame Strategie gegen Armut gewertet
werden könnten, seien
sie „ein ermutigendes Zeichen einer solidarischen
Gesellschaft“, sagte Stockmeier. Allerdings
merkte er an: „Die Wirkungen, die Tafeln
im Bereich der Armutsbekämpfung erzielen
können, sind im Vergleich zum Auftrag des
Sozialleistungssystems marginal. Denn bei Weitem
nicht für alle armen Menschen in Baden-Württemberg
sind Tafeln erreichbar.“ Mit dem Ergebnis
der Tafeluntersuchung lasse sich abschätzen,
dass rund ein Drittel (34 Prozent) der baden-württembergischen
Siedlungsfläche von den Tafelläden
abgedeckt wird, „zwei Drittel also nicht.
In ländlichen Gebieten seien sie kaum vertreten.
Die Untersuchung zeigt laut
Stockmeier, dass rund 108.000 Menschen das
Angebot der Tafeln
nutzen. Das bedeute, dass nur 7,7 Prozent der
Menschen in relativer Armut von den Tafelläden
profitieren. Bezogen auf die gesamte Bevölkerung
in Baden-Württemberg von 10,8 Millionen
sei dies nur ein Prozent. Das Durchschnittsalter
der Einkaufenden wird mit 49,6 Jahren angegeben.
Der mit 44 Prozent größte Teil der
Tafelbesucherinnen und –besucher lebe in
Haushalten mit Kindern. Damit liege er deutlich über
dem Anteil von Familien mit Kindern in Baden-Württemberg.
Ebenfalls deutlich überrepräsentiert
seien mit 13 Prozent Alleinerziehende, die nur
vier Prozent der baden-württembergischen
Gesamtbevölkerung ausmachen. Zwei Drittel
der Besucher nutzen seit mehr als einem Jahr
ihre Tafel. Armut werde also immer mehr zur „nachhaltigen
Lebenslage“. „Das stützt unsere
These, dass der Bezug von Hartz-IV-Leistungen
nicht aus der Armut herausführt – zumal
die Bezugshöhe der materiellen Leistungen
deutlich unter der Armutsrisikogrenze liegt“,
sagte Stockmeier.
Diakonisch werde das Engagement
der Tafeln auch dadurch, dass die Tafelläden Möglichkeiten
zur Begegnung bieten, sagte Oberkirchenrat Dieter
Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen
Werks Württemberg und Stellvertretender
Sprecher der Diakonie Baden-Württemberg
GmbH. Beim Gespräch über die Ladentheke
oder bei einer Tasse Kaffee könnten Kundinnen
und Kunden auf Angebote der Beratung und Unterstützung
hingewiesen und auf Wunsch vermittelt werden.
Die Umfrage zeige, dass die
meisten Kunden auch deshalb sehr zufrieden
sind weil sie als Kunden
und nicht als Hilfeempfänger behandelt würden.
80 Prozent seien mit dem Angebot der Läden
zufrieden. Ihren täglichen Bedarf an Backwaren
und an Obst und Gemüse decken jeweils ca.
drei Viertel der Befragten ausschließlich
in den Tafelläden. „Aber wir müssen
unterscheiden“, sagte Kaufmann, „die
Zufriedenheit der Menschen gilt dem hohen Engagement
der Ehrenamtlichen und der Tafelorganisation.
Aber die Zufriedenheit bezieht sich nicht auf
die persönliche Situation und dem Zwang,
auf die Tafel zurückgreifen zu müssen.“ Die
Tafeln stünden ständig in Gefahr, vor
allem durch die Politik als das Instrument zur
Armutsbekämpfung funktionalisiert zu werden. „Das
aber sind sie nicht, sondern lediglich eine Form
der individuellen Armutsbewältigung, die
aber nur einen geringen Teil der Bedürftigen
erreicht.“
Nach dem Ergebnis der Befragung
geben Alleinstehende monatlich durchschnittlich
20 Euro im Tafelladen
aus, berichtete Kaufmann. Weil beim Einkauf im
kommerziellen Handel mehr als drei Mal so viel
bezahlt werden müsse, stellten die Einkäufe
im Tafelladen einen Wert von mindestens 66 Euro
dar. Zusammen mit den 96 Euro, die in anderen
Läden ausgegeben werden, beliefen sich die
monatlichen Ausgaben für Lebensmittel auf
insgesamt 162 Euro. Derzeit beträgt der
Ernährungsregelsatz 129,50 Euro. Das bedeute:
Damit bestehe mindestens eine Deckungslücke
von 33 Euro. „Das stützt die Forderung
der Diakonie, dass der Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger
insgesamt dringend erhöht werden muss“,
sagte Oberkirchenrat Kaufmann.
Stipo Augustinov und Ellen
Schneider waren lange Zeit arbeitslos, bis
sie einen 1,50-Euro-Job
in der Fildertafel bekamen. Übereinstimmend
sind sie dankbar für die sinnvolle Aufgabe
und den strukturierten Arbeitstag. „Das
Schlimmste war, isoliert zuhause zu sitzen.“ Beide
lobten sie die gute Atmosphäre im Laden.
Bei Augustinov ist die Beschäftigung ausgelaufen,
jetzt kommt er als Ehrenamtlicher – mit
150 Euro monatlich weniger auf dem Konto. Ellen
Schneider ist froh, sich als Diabetikerin gesund
und günstig in der Tafel ernähren zu
können, zumal sie Medikamente auch selber
bezahlen muss. Ihre Vermittlung in eine Beratungsstelle
der Diakonie habe ihr psychische Stabilität
gegeben. Wenn im Februar ihre Beschäftigung
ausläuft, will auch sie wiederkommen – „dreimal
die Woche“. Ehrenamtlich, wie in Baden-Württemberg
weitere rund 9.000 Menschen.
letzte Aktualisierung
am 27. Dezember 2010
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