„Kinder
brauchen positive Resonanz auf ihre Sehnsüchte!“
Wie sexueller Missbrauch von Kindern in Radolfzell
zum Thema wurde
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Peter Linzer, Foto: Diakonie |
Aufgrund einer großen Betroffenheit über
die vermutete Zahl missbrauchter Kinder im Landkreis
Konstanz, wurde 1991 die erste Beratungsstelle
ihrer Art in Baden für Kinder mit Missbrauchserfahrungen
eingerichtet. Die Trägerschaft der neuen
psychosozialen Beratungsstelle übernahm
der Kirchenbezirk Konstanz auf Anfrage der Städte
Konstanz und Singen und des Landkreises, die
auch die Finanzierung für diese Beratungsstelle übernahmen.
Von der neuen Anlaufstelle versprachen sich Kommune
und evangelische Kirche, im Bedarfsfall früh
zu intervenieren, qualifizierte Hilfe für
alle Betroffenen anzubieten und ein Präventionskonzept
zu entwickeln. Peter Linzer geht jetzt nach zweiundzwanzig
Jahren Beratungsarbeit, davon 20 Jahre Leitung
der Beratungsstellen, mit 63 Jahren in den Vorruhestand.
n der Vertrauensstelle für Kindesmisshandlung
und sexuellem Missbrauch wurden pro Jahr rund
100 "Fälle" abgeklärt.
Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass sexueller
Missbrauch von Kindern weit verbreitet ist?
Linzer: In den Beratungen und Psychotherapien
taucht das Thema sexueller Missbrauch an vielen
Stellen auf, z. B. bei älteren Klientinnen,
die zum Teil bis heute ihre Vergewaltigungserfahrungen
im zweiten Weltkrieg nicht überwunden haben,
oder in Paartherapien, wo es vordergründig
um Lustlosigkeit geht, hinter der sich aber nicht
selten eine frühe Traumatisierung durch
Inzest oder Missbrauchserfahrungen verbirgt.
Bei Kindern, die zur Beratung angemeldet werden
mit Symptomen wie z.B. Schüchternheit, Bettnässen
oder Lernstörungen, können sich ebenfalls
Missbrauchserfahrungen oder Vernachlässigung
verbergen.
Es gab im Laufe der Jahre
auch Kinder und Jugendliche, die auf die Beratungsstelle
aufmerksam wurden
und sich unterstützt durch z.B. VertrauenslehrerInnen
dann selbst angemeldet haben oder in Begleitung
zu uns kamen. Dadurch, dass es nun eine Anlaufstelle
zu Fragen von sexuellem Missbrauch gab, wandten
sich Jugendämter, Schulen und Kindergärten
an die MitarbeiterInnen der Vertrauensstelle
um Verdachtsmomente abzuklären. Es entwickelte
sich auch über einen Fachbeirat und Arbeitsgruppen
eine Kooperation mit Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft,
KinderärztInnen, Polizei und anderen Beratungsstellen,
aus der ein verbindliches Vorgehen bei diesem
Thema entwickelt wurde. Besonders wichtig bei
der Verdachtsabklärung ist ein sorgfältiges
und behutsames Vorgehen, damit weder Kinder unnötig
sekundär geschädigt werden noch ein
unbegründeter Verdacht Existenzen zerstört.
Was
waren für Sie Erfolgsmomente
Ihrer Arbeit?
Linzer: Meine Schwerpunkte lagen neben der
Leitung der Psychologischen Beratungsstelle
für
Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatung und der
Vertrauensstelle in der Paar- und Sexualberatung/-therapie.
Bezogen auf die Unterstützung von Kindern
und Jugendlichen, die sexuellen Missbrauch erlebten,
war es sicher ein bedeutsamer Therapieerfolg
wenn ein Kind oder Jugendlicher vielleicht schon über
Jahre in seinem Innersten verschlossen war, mit
seinen Ängsten und Nöten zu niemandem
gehen konnte, doch die Erfahrung machen konnte,
dass hier jemand ist, der ihm zuhört und
ihm glaubt, vertraut und eine Zukunft für
ihn sieht. Besonders befriedigend oder erfolgreich
habe ich die Arbeit erlebt in den Fällen,
wo auch die Mutter schon von sexuellem Missbrauch
betroffen war und von daher, um sich selbst zu
schützen, „blinde Flecken“ entwickeln
musste, nicht hinsehen konnte, weil es so viel
in ihr auszulösen drohte, sie überfordert
war durch die Angst bei innerfamiliärem
Missbrauch (die weitaus überwiegende Zahl
von Missbrauchsfällen spielt sich in der
Familie oder dem sozialen Umfeld ab), dass ihre
Familie zerbrechen könnte und die Ambivalenz
zu ihrem Partner, wo es trotz allem in der Aufarbeitung
gelingen konnte, dass Mutter und Kind (die Forschung
geht davon aus, dass zu etwa ¾ Mädchen
und zu ¼ Jungen von sexuellen Übergriffen
betroffen sind) wieder vertrauensvoll aufeinander
zugingen und die Mutter für ihr Kind zu
einem Ort für Sicherheit und Geborgenheit
werden konnte, wenn Vorwürfe ausblieben
wie: Du zerstörst die Familie, du bildest
dir was ein, du hast es provoziert und bist selbst
Schuld daran.
Erfolgreich würde ich meine Arbeit in diesem
Feld auch nennen, wo es in Fachkreisen gelang,
das Thema nicht ideologisch zu diskutieren sondern
man hin geschaut hat, welche Rolle gesellschaftliche
Bedingungen spielen und zu was der Mensch unter
bestimmten Bedingungen fähig ist. Man die
Täter nicht dämonisierte und als kleine
Gruppe behandelte auf die man alles Böse
projezieren konnte, sondern dass man in den Blick
nahm, dass es ganz verschiedene Arten von Verletzungen
gibt, die Kinder erleben, wie: Vernachlässigungen,
Armut, körperliche Misshandlungen oder auch
die Erfahrung, dass die Eltern nicht emotional
präsent sein können, weil sie selbst
keine Liebe und Nähe erfahren durften und
man berücksichtigte, dass auch Täter
eine Kindheit hatten.
Aktuell engagiere ich mich
in einer neuen Initiative in unserem Landkreis,
die sich Babyforum nennt.
In ihr sind u.a. MitarbeiterInnen aus Kliniken,
niedergelassene ÄrztInnen verschiedener
Disziplinen, Hebammen, Beratungsstellen, ErgotherapeutInnen
vertreten, die gemeinsam überlegen, welche
Hilfestellungen man im Bedarfsfall einer Familie
geben muss, im Vorfeld der Geburt und / oder
unmittelbar danach, in der Zeit in der Kinder
ganz wesentlich geprägt werden. Viele Eltern
sind z.B. nicht in der Lage ihr Kind richtig
zu halten, zu füttern, oder es empathisch
wahr zu nehmen. Ich finde es erfreulich und ermutigend,
dass hier Forschungsergebnisse der Pränatal-,
Bindungs- und Hirnforschung aufgenommen werden.
Diese Initiative schafft Möglichkeiten zu
verhindern, dass Defizite der Eltern an Kinder
weiter gegeben werden und kann somit helfen,
dass der Kreislauf emotionaler Verletzungen unterbrochen
wird. Eine solche Initiative arbeitet somit unter
anderem auch präventiv gegen Kindesvernachlässigung,
- misshandlung und –missbrauch, in dem
sie versucht emotionale Nähe und Sicherheit
im Erleben des Neugeborenen zu ermöglichen
und damit eine wesentliche Grundlage für
stabile Beziehungen und Partnerschaften schafft.
Das
Thema „sexueller Missbrauch von Kindern“ kann
man sich in dem kleinen, idyllischen Städtchen
Radolfzell als Besucher nur schwer vorstellen.
Linzer: Überall wo es Verletzungen in menschlichen
Beziehungen gibt, entstehen auch Gefahren im
emotionalen Bereich. Da Menschen besonders verletzbar
sind, wenn es um die Zurückweisung ihrer
Bedürfnisse nach Zärtlichkeit und Geborgenheit
geht, besteht hier ein Risiko für Erwachsene
im psychosexuellen Erleben und Verhalten. Das
Phänomen geht durch alle gesellschaftlichen
Gruppen. Es ist keine Region davor gefeit. Die
Verletzbarkeit von Menschen gibt es überall.
Wenn Menschen in ihren Grundbedürfnissen
verletzt sind, kann es zu tragischen und dramatischen
Verstrickungen kommen, zu denen auch sexueller
Missbrauch, Vernachlässigung von Kindern
und Perversionen zu zählen sind.
Hat der sexuelle Missbrauch von Kindern in den
letzten Jahren Ihrer Meinung nach zugenommen?
Linzer: Grundsätzlich kann man davon ausgehen,
dass in jedem Gesellschaftssystem etwa zwei Prozent
der Menschen, ihren Anforderungen nicht gewachsen
sind. Ich nehme an, dass es sexuellen Missbrauch
immer gegeben hat und in Zukunft auch nicht völlig
verhindert werden kann. Sicher wird heute sexueller
Missbrauch nicht mehr tabuisiert, geht man offener
und therapeutisch kompetenter damit um und meine
Hoffnung ist, dass die Dunkelziffer immer kleiner
wird. Ob man unterstellen kann, dass sexueller
Missbrauch in den letzten Jahren zugenommen hat,
da bin ich mir unsicher.
Sie
haben hier vor zweiundzwanzig Jahren mit
Ihrer Arbeit
begonnen. Was hat sich
seitdem verändert?
Linzer: Strukturell und inhaltlich hat sich
viel verändert. Strukturell: Für die Beratungsstelle
wurde ein Fachbeirat gegründet. Er entwickelte
ein Konzept für eine Vernetzung im Landkreis
im Bezug auf dieses Thema. Einrichtungen und
Institutionen haben sich freiwillig verpflichtet,
nach bestimmten Richtlinien vorzugehen. So ein
vernetztes, abgestimmtes Vorgehen gab es vorher
nicht. Jeder stand allein mit dem Thema da und
war überfordert. Heute gibt es Hilfen für
die betroffenen Kinder, für die Angehörigen
und Täter - Therapieprogramme. Das o. e.
Babyforum ist ein weiterer Baustein in dieser
Richtung. Inhaltlich: Bezogen auf Therapiekonzepte
bei frühen seelischen Verletzungen, sprich
traumatischen Erfahrungen, ist es zu Paradigmenwechseln
gekommen. Heute weiß man, dass vor einer
Traumatherapie Betroffene zunächst einmal
stabilisiert werden müssen, bevor es zu
einer Konfrontation und Aufarbeitung des Geschehenen
kommen kann. Die Idee für die neu geschaffene
Beratungsstelle hat sich also bewährt und
ist heute von allen Seiten anerkannt.
Wie
viele Kontakte hatten Sie jährlich?
Linzer: In der Vertrauensstelle werden pro
Jahr etwa 100 „Fälle“ abgeklärt.
Bei den aufgedeckten Missbrauchsfällen
kommt es bei einem Teil zur Anzeige, in anderen
Fällen wird aus dem Opferschutzgedanken
heraus auf eine Anzeige verzichtet. Es bleiben
auch einige „Fälle“ übrig,
wo ein Missbrauch nicht zweifelsfrei geklärt
oder ausgeschlossen werden kann. In vielen „Fällen“ sind
mehrere Kinder gleichzeitig betroffen.
Gelang
es Ihnen immer, Empathie für die
Beschuldigten aufzubringen? Was haben Sie gemacht,
wenn das nicht gelang?
Linzer: Grundsätzlich gilt, dass eine Beratung
/ Therapie letztlich nur gelingen kann, wenn
eine Einfühlung ohne Ablehnung der Person
möglich ist. Bezogen auf die Kinder ist
es selbstverständlich leicht empathisch
zu sein. Hier besteht eher die Gefahr überempathisch
zu sein und damit die Kinder zu bedrängen.
Bezogen auf Angehörige gibt es in der Empathie
in der Regel kein größeres Hindernis.
Bezogen auf Täter ist dies erheblich schwieriger,
da oft Abscheu und Entsetzen eine Einfühlung
in die Lebensgeschichte der KlientInnen erschweren,
besonders dann, wenn viel Verleugnung da ist.
An einen Klienten kann ich mich erinnern, den
ich im Rahmen der Täter – Therapie
behandelt habe, dass mir ein Zugang nicht möglich
war. Diesen Mann habe ich an einen Kollegen vermittelt,
der einen anderen Zugang zu ihm versuchte. Solche
Grenzen muss man ehrlich anerkennen. Im therapeutischen
Kontext ist eine Ablehnung eines Klienten letztlich
auch eine Art Verletzung, die jede vertrauensvolle
Zusammenarbeit verunmöglicht.
Mir persönlich hat bis heute geholfen, mich
in KlientInnen wieder zu erkennen, ohne mich
dabei anzubiedern. Meine therapeutische Grundhaltung
ist, zunächst nicht zu bewerten sondern
zu verstehen, was die Funktion eines bestimmten
Verhaltens ist. Ich stelle mir vor, dass vieles
am menschlichen Leid auf tragische Verstrickungen
und un- und vorbewusstes menschliches Agieren
zurückgeht. Kein Mensch wird als Monster
geboren. Immer sind es menschliche Anlagen, epochale
Umstände und die eigene unverwechselbare
Biografie, die uns zu dem machen, was wir gerade
sind. Mir war es stets wichtig, Interesse und
Respekt zu haben vor der Lebensgeschichte des
Menschen, der vor mir steht. Und erst auf der
Grundlage einer therapeutischen Beziehung zu
konfrontieren und Therapievorschläge zu
entwickeln.
Haben
sich die Probleme und Lebenssituationen von
Kindern und Familien
in den letzten Jahren
verändert?
Linzer: Man überlegt z.B. heute, wie man
jugendlichen Sexualstraftäter besser helfen
und sie begleiten kann. Dass es bereits Jugendliche
sind, die sexuell übergriffig werden, ist
eher ein neueres Phänomen. Auch und gerade
für Jungen hat sich etwas verändert.
Sie können heute stundenlang vor dem PC
sitzen, ohne irgendeine zwischenmenschliche Beziehung
zu pflegen. Das gilt auch für den sexuellen
Bereich. Manche Kinder machen heute bereits mit
12 bis 13 Jahren Erfahrungen mit Hardcorepornographie.
Hier ist zu hoffen, dass die Kinder robust genug
sind, das Gesehene als Phantasieprodukte zu entlarven
und nicht für die Realität zu halten.
Darauf vertraue ich. Ich habe allerdings die
Sorge, das bei Jugendlichen die, statt zu flirten, überwiegend über
die Medien kommunizieren (chatten) und / oder
sich auf diesem Wege stimulieren, emotionale
Defizite entstehen und die Unsicherheit vor realem
Kontakt zunimmt. Ich denke jedoch, dass die meisten
Kinder stabil sind. Es gibt aber eine kleine
Gruppe, die keine positiven emotionalen Erfahrungen
macht, mangels konkreter Erfahrungen mit Freud
und Leid. Auch die Wirtschaftskrise mit ihrer
Perspektivlosigkeit, Ungerechtigkeit und Armut
kann dazu führen, dass Kinder und Jugendliche
auch in ihrer psychosexuellen Entwicklung keine
aufbauenden Erfahrungen machen und damit später
auch gefährdet sind selber Opfer oder Täter
zu werden.
Würden Sie sagen, für
Kinder und Jugendliche muss mehr getan werden?
Linzer: Eindeutig ja. Es gibt z.B. in München
Initiativen, die Eltern ausbilden. Das Ziel ist,
dass Kinder in den ersten Lebensjahren positive
emotionale Erfahrungen machen, die eine Bindungssicherheit
gewährleisten. Es gibt viele junge Eltern,
die gern gute Eltern sein wollen, es aber einfach
nicht können. Es gibt viele Kindstötungen
aus emotionaler Überforderung heraus. In
den Initiativen wird Eltern zum Beispiel beigebracht,
wie man ein Kind im Arm hält, wie man Blickkontakt
als die intensivste Form der Kommunikation aufbaut.
Bei fehlendem Blickkontakt auf dem Arm der Mutter
können Kinder schwerwiegende Irritationen
erleben, mit der Folge von Angst und Unsicherheit.
Oft sind Mütter unbewusst, in Bezug auf
ihr Kind, unter starken emotionalen Spannungen,
dass eine Interaktion und emotionale Nähe
für das Kind nicht entstehen kann. Diese
Mütter brauchen viel Hilfe, Fürsorge
und Unterstützung zu kompetentem Verhalten.
Frühe Hilfen sind deshalb so wichtig, weil – nach
neueren Erkenntnissen- vieles vorbewusst abläuft.
Wenn man z.B. einem Schlangenphobiker zwanzig
Millisekunden lang eine Schlange zeigt und anschließend
eine Blumenwiese, dann sieht er bewusst nur die
Blumenwiese, ist dabei aber unbewusst einem starken
emotionalen Stress ausgeliefert. Er ist nicht
in der Lage zu sagen, woher der Stress kommt.
Dieses Phänomen existiert auch in zwischenmenschlichen
Begegnungen, wo unser Angstgedächtnis uns
etwas wahrnehmen lässt, was wir bewusst
nicht erkennen.
Ich glaube, wir haben heute immer weniger Zeit
wahrzunehmen. Vieles wird schnell interpretiert,
ohne dass dahinter liegende Motive zum Vorschein
kommen können. Für Kinder ist es besonders
wichtig, dass sie in ihrem Wesen und individuellen
Fähigkeiten wahrgenommen werden und nicht
terrorisiert werden, z. B. durch die bewussten
oder unbewussten Erwartungen der Eltern. Es geht
vielmehr darum, Kindern zuzutrauen, dass sie
hochpotente Wesen sind, sehr intelligent, neugierig
und stark. Es ist oft schwer, in diesem Sinne
Verfügbarkeit und Hingabe für Kinder
zu leben.
Ist
es möglich, ein Kind, das sexuelle
Missbrauchserfahrungen macht, zu heilen? Oder
ist da nicht immer etwas, was zumindest im Unbewussten
zurück bleibt?
Linzer: Früher sagte man, dass Unbewusstes
ins Bewusstsein gehoben werden muss und es sich
irgendwann integriert. Heute weiß man,
dass ein Trauma für den Organismus eine
totale Überforderung ist. Der Organismus
versucht zu überleben, indem er die traumatische
Erfahrung aus dem Bewusstsein abspaltet. Deshalb
weiß man heute, dass es eine lange Zeit
braucht, ehe sich der Patient beruhigt. Erst
dann beginnt die eigentliche Traumaarbeit. Wenn
ein Trauma erinnert wird, kann es wie eine totale Überflutung
- wie ein Tsunami sein. Die Traumatherapie zielt
deshalb zunächst auf eine Beruhigung ab.
Erst wird ein sicherer Ort gesucht, z.B. als
stünde man auf einem sicheren Berg. Dann
bearbeitet man die traumatischen Erlebnisse so,
als ob sie aus der sicheren Perspektive, z.B.
vom Berg aus, betrachtet werden können und
einem nicht mehr so nahe sind. Im emotionalen
Gedächtnis bleiben traumatische Erfahrungen
verankert, können aber in ihrer einschränkenden
Wirkung reduziert oder aufgehoben werden.
Sie gehen also davon aus, dass man traumatische
Erfahrungen durch sexuellen Missbrauch nicht
los werden kann, dass man aber lernen kann, damit
umzugehen.
Linzer: Es gibt nach diesem Traumaverständnis
die Möglichkeit auch den Menschen zu helfen,
die sich nach einem totalen Schutzkonzept auf
niemanden mehr einlassen um sich nicht erneut
Verletzungen auszuliefern. Wenn es in der therapeutischen
Arbeit gelingt, dass der Klient/ die Klientin
spürt, dass das traumatische Erlebnis in
der Vergangenheit liegt, überlebt wurde
und in der therapeutischen Beziehung erste Schritte
in Richtung einer vertrauensvollen Beziehung
gemacht werden, können wieder Selbstvertrauen
und Selbstachtung entstehen. Auf dieser Basis
ist es für manche Betroffene auch möglich
zu verzeihen ohne zu vergessen.
Wenn in der vierten Bitte
des „Vater unser“ steht: „Unser
tägliches Brot gib uns heute“, dann
kann anhand dieser Bitte deutlich gemacht werden,
um was es existentiell für den Menschen
geht, als auch in der Therapie und besonders
bei schweren seelischen Verletzungen. Was jeder
Mensch als soziales Wesen von Geburt an braucht,
ist, dass auch der Hunger seiner Seele gestillt
wird, sein Hunger nach Fürsorge, Zuwendung
und Geborgenheit.
Wenn wir um unser tägliches Brot bitten,
liegt darin eine große therapeutische Weisheit:
Wir alle sind in gleicher Weise durch unsere
Grundbedürfnisse verbunden.
Peter Linzer ist nach 22
Jahren Beratungsarbeit im Frühjahr 2009
in den Vorruhestand gegangen.
Das Gespräch führte
Angelika Schmidt, Diakonie Baden
letzte Aktualisierung
am 3. Juni 2009
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