„Die
Jugendlichen sind die beste Heimaufsicht“
Siebtklässler als Junior-Pflegepartner / Das
einzige Projekt dieser Art in Baden-Württemberg Mit einem für Jugendliche ungewöhnlichen
Projekt wollen das Seniorenzentrum Stutensee
und dessen Träger, die Evangelische Stadtmission
Karlsruhe, etwas zur Charakterbildung Jugendlicher
und zur Gemeinschaftsbildung in der Gesellschaft
beitragen – nicht zuletzt angesichts der
Ereignisse in Erfurt, Winnenden und Ansbach.
Als gemeinsames Projekt mit der Erich-Kästner
Realschule in Stutensee arbeiten seit Oktober
schon zum zweiten Mal sechzehn Siebtklässler
als Junior-Pflegepartner sieben Monate lang im
Pflegeheim mit. Üblich ist an Schulen ein
zweiwöchiges Sozialpraktikum. Im letzten
Schuljahr hatten 27 Jugendliche mitgemacht. Das
Projekt ist nominiert für den bundesweiten
Sozialpreis Innovatio, der am 25. November in
Berlin verliehen wird.
„Diese Jugendlichen sind die beste Heimaufsicht
für unser Pflegeheim,“ meint Karlheinz
Zuckschwerdt, Vorstandsvorsitzender der evangelischen
Stadtmission Karlsruhe und Träger des Seniorenzentrums
Stutensee. Zuckschwerdt:„Die Erfahrungen,
die die Jugendlichen hier machen, die wirken
noch jahrelang nach. Sie erzählen anderen,
was sie hier gesehen und erlebt haben. Wir müssen
unsere Häuser öffnen und jeden willkommen
heißen, der sich einbringen möchte.“ Während
in der ersten Phase des Schulprojektes noch ein
Großteil der Schüler motiviert wurde,
sich im Seniorenzentrum einzusetzen, haben sich
für die zweite Projektphase im neuen Schuljahr
sechzehn Jugendlichen zwischen 13 und 14 Jahren
sofort und freiwillig für den mehrmonatigen
Einsatz gemeldet.
Celina (14): „Ich habe mitgemacht, weil
mein Opa hier im Heim war. Und ich wollte mir
selbst beweisen, dass ich mehr kann als tanzen.“ Sie
habe gelernt, dass es wichtig ist, zu alten Menschen
freundlich zu sein. Mira (13) hat vor allem mit
den Senioren gespielt. Nachdem sie in der sechsten
Klasse bereits in einer Kita Praktikum gemacht
hatte, wollte sie es nun mit alten Menschen zu
tun bekommen. Laurajane (13) wollte wissen, wie
man richtig mit alten Menschen umgeht: „Mein
Opa hatte einen Schlaganfall und wird zuhause
von meiner Oma gepflegt. Beim Praktikum hier
im Pflegeheim hat es mir besonders Spaß gemacht,
wenn die alten Menschen gelächelt und sich
gefreut haben.“ Alle drei kommen auch heute
noch gern einfach mal zu einem Besuch vorbei.
„Wir als Pflege-Profis haben von den Jugendlichen
gelernt, was es heißt, wenn ein Pflegeheim
sich öffnet,“ sagt Pflegedienstleitung
Nadine Gaillard. „Inzwischen ist es unseren
Pflegekräften nicht mehr unangenehm, wenn
ihnen Jugendliche über die Schulter gucken.
Sie fühlen sich nicht mehr unter Beobachtung
und erleben Wertschätzung ihrer Arbeit durch
die Jugendlichen.“
Klaus Gaß, Leiter der Erich-Kästner-Realschule
in Stutensee möchte, dass die Jugendlichen
soziale Kompetenz erwerben. Im Rahmen dieses
neuen Projektes würden sich Lehrer und Schüler
auch außerhalb der Schulzeiten engagieren.
Gaß: „Die Jugendlichen machen im
Seniorenzentrum Erfahrungen, die sie zum Teil
in den Familien gar nicht mehr machen.“
Für Heimleiter Hans-Friedruch Unglaube
ist das, was derzeit in seiner Einrichtung passiert,
Bildung. Und die brauche eben ihre Zeit. In einem
zweiwöchigen Praktikum sei es nahezu unmöglich,
dass Beziehungen entstehen und Gemeinschaft zwischen
alt und jung möglich wird. Für Träger
Zuckschwerdt sind die Junior-Pflegepartnerschaften
ein wichtiger Beitrag zur Mitgestaltung des Gemeinwesens.
Zuckschwerdt: „Hier wird der Zusammenhalt
der Generationen gestärkt.“
Im Seniorenzentrum Stutensee
leben derzeit 70 Bewohnerinnen und Bewohner
zwischen 42 und 96
Jahren. Die Jugendlichen der Erich-Kästner
Realschule sind zwei Mal in der Woche und Samstags
je zwei Stunden in der Einrichtung. Sie spielen
mit den Senioren, unterstützen und begleiten
sie beim Spazierengehen, helfen beim Essen. Die
sechzehn neuen Junior-Pflegepartner werden die
Senioren sogar Sonntags in den Gottesdienst der
Kirche am Ort bringen, wenn diese es möchten.
Die zweite Projektphase steht unter dem Motto: „Mit-
und füreinander da sein in der Pflege“.
letzte Aktualisierung
am 10. November 2009
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