Diakonie
fordert „Kultur des Hinsehens“ und
mehr Achtung vor Menschen, die auf Hartz IV angewiesen
sind
Für die Schaffung eines dritten Arbeitsmarktes,
die Anhebung der Hartz IV-Regelsätze und
den Zugang zu Bildung für alle hat sich
die Diakonie Baden im Rahmen der Vorstellung
ihres Jahresberichtes 2010 im November in Karlsruhe
ausgesprochen. Das Magazin mit dem Titel „Nachbarn“ enthält
dreizehn bewegende Interviews mit Menschen, die
von Armut betroffen sind und ist kostenfrei erhältlich.
Jeder zweite Langzeitarbeitslose
sei nicht in der Lage wieder in den ersten
Arbeitsmarkt einzusteigen.
Deshalb müsse ein dritter, öffentlich
geförderter Arbeitsmarkt geschaffen werden,
so Oberkirchenrat Johannes Stockmeier, Vorstandsvorsitzender
des Diakonischen Werkes Baden vor Journalisten. „Es
ist eine Illusion zu glauben, diese Menschen
in den ersten Arbeitsmarkt integrieren zu können.
Wir müssen uns entscheiden ob wir Arbeitslosigkeit
oder Arbeit finanzieren wollen,“ sagte
Stockmeier im Hinblick auf die Kritik des Bundesrechnungshofes
an den 1-Euro-Jobs. Der evangelische Theologe
forderte, neben der „kalten und technischen
Debatte über die Regelsätze“ zu
mehr Achtung gegenüber Menschen auf, die
auf Hartz IV angewiesen sind.
Der Jahresbericht der Diakonie
Baden zeige, dass es sich überwiegend um Menschen handele,
die einsam und bescheiden leben und nicht dem
Vorurteil entsprechen, Hartz IV als „soziale
Hängematte“ auszunutzen. Der Jahresbericht
der Diakonie Baden trage den Titel „Nachbarn“,
weil es der Nachbar sein könne, der arm
ist. Stockmeier forderte deshalb eine „Kultur
des Hinsehens“.
Stockmeier: „Die Lebenssituationen von
Hartz IV-Empfängern verschlechtern sich
zusehends. Wir als Diakonie wollen nicht, dass
ihre Lebensbedingungen noch härter werden
als bisher und dass die Schere zwischen Armen
und Reichen noch weiter auseinander geht.“ Robert Bachert, Vorstand
Wirtschaft und Finanzen des Diakonischen Werkes
Baden mahnte außerdem,
das Thema Sozialhilfebedürftigkeit im Pflegefall
nicht nur vom Kostenfaktor her zu sehen. Stockmeier: „Zukünftig
werden mehr Pflegekräfte gebraucht. Gleichzeitig
wollen die Sozialhilfeträger niedrige Pflegesätze.
Wie soll denn der Pflegeberuf attraktiv sein,
wenn eine Pflegeeinrichtung keine angemessenen
Löhne zahlen kann, um dem Pflegesatz zu
entsprechen?“
Familien und Alleinerziehende
Hartz IV-Empfänger
würden von den neuesten gesetzlichen Regelungen
besonders hart getroffen, so Vorstandsmitglied
Kirchenrat Jürgen Rollin. So sollen durch
die Streichung des Elterngeldes für Hartz
IV-Empfänger rund 2,4 Milliarden Euro bundesweit
eingespart werden. Stockmeier warnte davor, die öffentlichen
Haushalte auf Kosten der Armen sanieren zu wollen.
In Baden-Württemberg lebt – laut statistischem
Landesamt – jeder Zehnte unterhalb der Armutsgrenze.
Die Jahresberichte der Diakonie
Baden erreichen durch ihre lebensnahe Aufbereitung
sozialpolitischer
Themen jährlich mehr als 40.000 Menschen
in ganz Deutschland.
letzte Aktualisierung
am 23. November 2010
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