Großer
Bedarf an Menschlichkeit
In
Baden-Württemberg fanden jetzt die Süddeutschen
Hospiztage von Diakonie und Caritas statt. Im
Diakonischen Werk Baden ist Pia Haas-Unmüßig
für diesen Arbeitsbereich zuständig.
Mit ihr sprach Angelika Schmidt.
Wie
ist die derzeitige Situation der Hospizarbeit
in Baden-Württemberg?
Haas
Unmüßig: Vor einiger Zeit wurde
ein Gesetz verabschiedet zur palliativen ambulanten
Versorgung mit dem Ziel, dass jeder ein Recht
hat auf spezialisierte palliative Versorgung
zuhause wenn er es braucht. Bisher kamen ambulante
Pflegedienste und Hospizhelfer. Das neue Gesetz
ermöglicht in besonderen Bedarfslagen, dass
Teams ausgebildeten Fachkräfte der Palliative
Care ambulant tätig sein können. Das
macht auch Sinn, denn das Bedürfnis, zuhause
zu sterben, ist sehr groß. 80 Prozent der
Bevölkerung möchte im häuslichen
Bereich sterben. Statistisch gesehen sterben
jedoch 80 Prozent in Institutionen. Es gibt gleichzeitig
es in der Bevölkerung ein großes Bedürfnis
nach Sicherheit. Deshalb braucht man auch die
Profis zuhause; Menschen, die beispielsweise
jemanden beistehen und helfen wenn er starke
Schmerzen hat. Viele Fachkräfte und
dann noch der Hospizdienst…
Haas-Unmüßig: Die Fachkräfte
kommen ja nur punktuell, zum Beispiel um die
Schmerzbehandlung gut einzustellen. Da sein,
zuhören, Gespräche, Trost spenden,
die Angehörigen in der vorweggenommenen
Trauer begleiten, dafür sind Hospizhelfer
notwendig. Es macht Sinn, dass Hospizdienste
sich für die emotionale und seelische Begleitung
der betroffenen Menschen zur Verfügung stellen,
weil sie sich ganz flexibel auf die Bedürfnisse
eingehen können.
Ein großer Unterschied zwischen Profis
und Ehrenamt besteht in der Zeit. Profis sind
gezwungen ihre Tätigkeiten in vorgegebenen
Zeiträumen durchzuführen, während
ehrenamtliche tätige Personen Zeit haben
und sich flexibel auf die Bedürfnisse sterbender
Menschen und ihrer Angehörigen einstellen
können. Die Begleitung durch ehrenamtliche
Personen ist von beiden Seiten her individuell,
d.h. immer die gleiche Person für eine Begleitung.
Diese Kontinuität können professionelle
selbstverständlich nicht bieten, da sie
mehrere Patienten betreuen und dafür Sorge
tragen müssen, dass eine "gerechte" Verteilung
ihrer Leistungen geschieht. Warum stellt sich überhaupt
die Frage wieviel Expertentum man am Sterbebett
braucht?
Haas-Unmüßig: Ambulante ehrenamtliche
Hospizdienste werden von den Krankenkassen gefördert.
Früher mussten sie gegenüber der Krankenkasse
nur angeben, wieviel Sterbebegleitung sie geleistet
hatten und haben dann entsprechend Fördergelder
bekommen. Damit wird die hauptamtliche Einsatzleitung
refinanziert, die Supervision der ehrenamtliche
Tätigen sowie Fort- und Weiterbildungen.
Jetzt müssen die Hospizhelfer Daten erheben.
Sie müssen Daten erheben und genau aufschreiben
von wann bis wann sie bei einem Sterbenden waren.
Diese zusätzliche Bürokratie möchten
die ehrenamtlich Helfenden nicht. In Baden-Württemberg haben wir eine gute
Lösung gefunden: Die Daten der betroffenen
Menschen werden im Hospizdienst verschlossen
aufbewahrt und nicht direkt an die Krankenkasse
weitergegeben. Die Zahl der Sterbebegleitungen
wird auch weiterhin gemeldet. So ist es mit dem
Sozialministerium und den Krankenkassen vereinbart.
Wofür brauchen Hospizdienste
Supervision?
Haas-Unmüßig: Sterbebegleitung ist
jedes Mal eine ganz persönliche Herausforderung
für jede einzelne Hospizhelferin. Nicht
jeder Abschied aus dem Leben ist schön,
trotz guter Begleitung und optimaler pflegerisch-medizinischer
Versorgung. Da braucht eine ehrenamtliche Hospizhelferin
den Austausch und die Unterstützung zur
ihrer Entlastung. Thema der Hospiztagung war: „Wieviel Expertentum
brauchen wir am Sterbebett?“ Warum dieses
Thema?
Haas-Unmüßig: Auf den süddeutschen
Hospiztagen im Juli wurde deutlich, dass inzwischen
alle sozialen Arbeitsbereiche den Regeln der
Wirtschaft unterworfen sind. Es zählen nur
noch die Tätigkeiten, die messbar, überprüfbar
sind und kontrolliert werden können. Beziehungsarbeit
lässt sich nicht in Einheiten messen und
deshalb haben professionelle Helfern so gut wie
keine Zeit mehr dafür. Hospizhelfer kümmern
sich um den Bereich der Zwischenmenschlichkeit.
Die Wurzeln der Hospizarbeit liegen in einer
Bürgerbewegung. Eigentlich ist es die Aufgabe
eines jeden Menschen, seinem Mitmenschen in existenziellen
Notsituationen beizustehen. Deshalb ist es wichtig,
dass die Hospizarbeit nicht in den Ökonomisierungsdruck
gerät und das Wesentliche auf der Strecke
bleibt. Was ist für die Hospizdienste
gerade aktuell?
Haas-Unmüßig: Wie
können Menschen
mit dementiellen Erkrankungen begleitet werden?
Dafür braucht man ein anderes Wissen. Einige
Hospizgruppen haben bereits begonnen, Angehörige
zu begleiten, denn schon wenn die Diagnose einer
dementiellen Erkrankung gestellt wird, ist klar,
dass diese Krankheit nicht behandelbar ist. Bereits
dann beginnt für viele Angehörige ein
Prozess der Trauer und des Abschiednehmens. Der Krankheitsverlauf kann
sich über Jahre
hinziehen. Demenzkranke Menschen können
sich bis zum Tod emotional mitteilen. Hospizhelfer
haben durch ihre jahrelange Erfahrung in der
Sterbebegleitung gelernt, emotionale Sprache
zu verstehen.
Heißt das, wir brauchen
mehr Hospizarbeit?
Haas-Unmüßg: Wir brauchen mehr Ehrenamtliche,
die sich von der Idee inspirieren lassen, die
hinter dem Hospizgedanken steht. Denn in allen
sozialen Arbeitsfeldern ist ein großer
Bedarf an Mitmenschlichkeit.
letzte Aktualisierung
am 22. Juli 2011
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